Der Einführungsband Musik und Kulturtransfer befasst sich mit der Kulturtransferforschung, gibt einen Überblick über die Entwicklung der europäischen Musik aus transfergeschichtlicher Perspektive und stellt diverse Fallbeispiele vor. Der Autor Prof. Dr. Stefan Keym gibt im Interview mit unserem Verlag Einblicke in seinem Werk:
Was macht Kulturtransferforschung für die Musikwissenschaft besonders wertvoll, und welche theoretischen Ansätze waren für Ihr Buch entscheidend?
„Die Kulturtransferforschung ist für die Musikwissenschaft sehr attraktiv, weil sie ein präzises Instrumentarium bietet für Untersuchungen, wie künstlerische Konzepte von einem in einen anderen Kulturraum transferiert und dabei charakteristisch umgedeutet und verändert werden. Der Vergleich mit Transferprozessen in anderen Künsten regt außerdem dazu an, über die Eigenarten der Musik und ihres Verhältnisses zu den Menschen nachzudenken. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Musik leichter transferierbar wäre als etwa Literatur, die ja sprach- und übersetzungsgebunden ist. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass hier andere Hindernisse ins Spiel kommen: der beträchtliche Vorbereitungs- und Durchführungsaufwand bei groß besetzten Musikperformances, aber auch tief verwurzelte Hörgewohnheiten. Im Vergleich zu anderen Forschungsansätzen zum kulturellen Austausch überzeugt mich die Kulturtransferforschung durch ihre realistische, ausgewogene Perspektive: Sie arbeitet das ‚Fremde im Eigenen‘ heraus, ohne jedoch Transferhindernisse zu unterschätzen oder spezifische regionale Unterschiede einzuebnen.“
Sie betonen die Rolle der aufnehmenden Kulturgemeinschaft. Welche Faktoren bestimmen aus Ihrer Sicht am stärksten, ob ein musikalischer Transfer gelingt?
„Das Wichtigste ist ein Interesse, eine Aufnahmebereitschaft auf der Seite der Mitglieder der aneignenden Kultur. Dahinter steht in der Regel ein Bedürfnis, oft auch ein Defizitgefühl, das gar nicht immer bewusst reflektiert und artikuliert wird. Zum Beispiel entsprach das in Italien seit dem 17. Jahrhundert entwickelte multimediale Konzept der Oper hervorragend dem Repräsentationsbedürfnis der europäischen Fürsten der frühen Neuzeit; deshalb lockten sie italienische Sängerinnen, Sänger und Kapellmeister-Komponisten mit hohen Gehältern an ihre Höfe und schickten einheimische Musiker zur Ausbildung nach Italien. In den 1920er Jahren war es das Bedürfnis nach einer zeitgemäßen, d.h. körperbetonteren Musik, das dem Jazz und den damit verbundenen Genres der neuen Unterhaltungsmusik in Europa den Weg bahnte (trotz starker rassistischer Vorurteile gegenüber den meist afroamerikanischen Musizierenden). Auch die Rolle bestimmter Vermittler.innen wie etwa Fürstinnen (in der frühen Neuzeit) oder Soldaten (etwa US-Soldaten in Europa vor und nach 1945) ist nicht zu unterschätzen.“
Ihr Buch behandelt Beispiele von der Antike bis zur Popmusik. Welche Fallstudie hat Sie bei der Arbeit besonders überrascht oder neue Perspektiven eröffnet?
„Tatsächlich ist uns oft gar nicht bewusst, wie stark die Musikgeschichte (in Europa und zweifellos auch darüber hinaus) von Kulturtransfers bestimmt wurde – allen identitären Zuschreibungen zum Trotz. Da sich die Kulturtransferforschung in der Literaturwissenschaft herausgebildet hat, wurde sie in der Musik lange primär auf Vokalgattungen angewandt. Bei meinen eigenen Forschungen bin ich hingegen von Instrumentalmusik ausgegangen. Ein wesentliches Anliegen des Studienbuchs besteht darin, Transferprozesse aus sehr unterschiedlichen Epochen und Genres zusammenzubringen und miteinander zu vergleichen. Unsere Musikterminologie ist stark von griechisch-antiken Begriffen geprägt, die damals jedoch andere Bedeutungen hatten. Auch der Transfer des gregorianischen Chorals, des einstimmigen christlichen Kirchengesangs, im Zeitraum 500-1000 n.Chr. von Rom über die Alpen ins Frankenreich und wieder zurück ist ein faszinierender Verflechtungsvorgang – auch oder gerade wegen der dünnen Quellenlage – und von fundamentaler Bedeutung für die europäische Musik (einschließlich ihrer Notation). An den interkontinentalen Jazz- und Poptransfers des 20. Jahrhunderts interessieren mich besonders die mit ihnen verbundenen Prozesse der (Re- und Ent-)Politisierung.“
Das Werk ist Teil der Reihe intro: Musikwissenschaft, die spannungsvolle Schnittstellen der Musikwissenschaft zu benachbarten Disziplinen beleuchtet und auf anschauliche Weise in aktuelle, interdisziplinäre Fragestellungen einführt.