Interview mit Prof. Dr. Sweers und Prof. Dr. Alge
K-Pop, Samba, Schlager, Jazz, Shaabi und viele andere Musikgenres sind kulturelle Ausdrücke ihrer Länder. Die Musikethnologie beschäftigt sich mit dem musikmachenden Menschen in den unterschiedlichsten kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten, sowie mit der Frage nach der Bedeutung von Musik in verschiedenen Kulturen. Der Einführungsband Musikenthnologie vermittelt dabei einen grundlegenden Einblick in die Fachentwicklung, aktuelle Forschungsgegenstände, Methoden, theoretische Konzepte, aber auch inner- und außeruniversitäre Tätigkeitsfelder. Die Autorinnen Prof. Dr. Barbara Alge und Prof. Dr. Britta Sweers erzählen mehr zu ihrer Publikation im Interview mit unserem Verlag:
Ihre Publikation hat den Untertitel „Einführung“. Wie haben Sie das Werk strukturiert bzw. welche waren die Hintergrundgedanken beim Verfassen eines einführenden Werks?
„Ausgangslage war, dass uns für unsere fachlichen Einführungen ein praktisches deutschsprachiges Einführungs- und Orientierungswerk fehlte. So mussten wir viele Informationen immer wieder nachrecherchieren, während vorhandene Einführungswerke oftmals entweder auf den deutsch- oder englischsprachigen Raum ausgerichtet waren und nur wenig Orientierung über neuere Entwicklungen vermittelt hatten.
Wir wollten daher ein didaktisch aufbereitetes Referenzwerk entwickeln, mit dem Studierende übersichtlich zentrale Themenfelder, Definitionen und Konzepte nachschlagen und mit Hilfe von Übungsblöcken erarbeiten können. Die vierteilige Konzeption zu Fachgeschichte, Methoden, Gegenständen und Tätigkeitsfeldern wurde stark von den wiederkehrenden Fragen aus unserer universitären Lehre inspiriert. Die Kapitel wurden dabei als historische, thematische oder methodische Einheit so konzipiert, dass sie als Vorbereitung einzelner Lehreinheiten, aber auch Abschlussprüfungen dienen können. Die Unterkapitel können zudem zu weiteren Einheiten kombiniert werden. Wir mussten hier also auch sehr kreativ werden, da wir auf verschiedenen Ebenen denken mussten – so können Lehrende die Kapitel für die Unterrichtsvorbereitung verwenden und über die Fußnoten sowie Vorschläge am Ende der Kapitel auf relevante einführende Literatur zurückgreifen.“
Im Klappentext des Buches erwähnen Sie die Bedeutung der Musik in verschiedenen Kulturen. Welches Beispiel zeigt besonders deutlich, wie unterschiedlich Musik kulturell aufgenommen oder verstanden wird?
„Diese Frage betrifft bereits die Definition von «Musik». Nach Alan P. Merriam kann Musik allgemein als »menschlich organisiertem Klang« verstanden werden. Das Konzept der Musik kann in verschiedenen Kulturen jedoch sehr unterschiedliche Ausprägungen zeigen: In manchen Kulturen existiert nicht einmal ein Begriff für Musik, in anderen sind entsprechende Konzepte mit performativen Ausdrucksformen wie Tanz untrennbar verknüpft. Auch werden nicht alle Angehörigen einer Gesellschaft, auch aufgrund von Faktoren wie Geschlecht, Alter, sozialem Status, individueller Biografie usw., das jeweilige kulturelle Bedeutungsnetz in gleicher Weise interpretieren.
Ein Beispiel ist etwa die halbimprovisatorische Vokalform des Joik bei den Saamen in Nordskandinavien. Der inhaltliche Gegenstand kann ein Naturobjekt (etwa ein Berg oder Fluss) oder eine Person sein. Joiker, Joik und Gejoiktes werden dabei als Einheit gedacht: Es wird nicht über etwas gejoikt, sondern dieses etwas (z.B. ein Vogel) wird gejoikt, so dass es wie ein reales Bild vor einem steht – und ist auch Eigentümer:in des Joiks. Dies gibt uns auch eine Vorstellung, wie eng unsere westliche Vorstellung von Musik ist – auch auf klanglicher Ebene, wenn etwa Kulturen wie die Inuit auch vorsprachliche Laute mit in das Musikmachen einbeziehen.“
In Ihrem Werk setzen Sie sich auch mit Themenfeldern wie Globalisierung und Postkolonialität im Zusammenhang mit Musik auseinander. Welche Veränderung, die die Globalisierung und Postkolonialität im musikalischen Bereich bewirkt hat, erscheint Ihnen als besonders markant?
„Globalisierungsprozesse haben uns gezwungen, die Vorstellung von Musiktraditionen nochmals neu zu denken, weg von dem Idealbild von isolierten oder ursprünglichen Kulturen hin zu Austausch, Fusion und Transformation, was höchstwahrscheinlich immer der Fall gewesen war. Deshalb war es uns auch so wichtig, etwa ein Kapitel zur Popularmusik mit einzubauen oder das Thema der Volksmusik breiter zu kontextualisieren.
Derzeit gibt es jedoch vor allem innerhalb des Faches und gerade in den englischsprachigen Ländern eine intensive Auseinandersetzung etwa zu Fragen, wer das Fach vertreten soll oder wer überhaupt noch Forschung in welchem Format durchführen kann (beispielsweise stärker dialogisch mit den Gewährspersonen, die auch als Co-Autor:innen eingebunden werden). Zugleich geht es auch um Fragen, was mit den historischen Tonaufnahmen passieren soll. Derzeit laufen viele Rückgabeprojekte, etwa in Berlin und Wien. Daneben versteht sich vor allem die sogenannten Angewandte Musikethnologie als aktivistisch, indem sie nicht nur über Forschungsthemen schreibt, sondern in Communities, mit denen geforscht wird, hineinwirkt. Auch die Fachbezeichnung wird immer wieder diskutiert, das Problem ist jedoch, dass die unterschiedlichen Bezeichnungen historisch gewachsen sind oder unterschiedliche Akzente setzen. Barbara Alge vertritt in Frankfurt beispielsweise Musikethnologie, Britta Sweers, auch weil ihre Position erst 2009 eingerichtet wurde, die Kulturelle Anthropologie der Musik, die den «-ethno»-Begriff bewusst vermeidet. Für uns ist das Wissen um diese Hintergründe zentral, weshalb wir die historischen Zusammenhänge und zentralen Debatten aufbereitet haben.“
Ein Buch, das sich durch die didaktische Aufbereitung zentraler Themen an Lehrende, Studierende und interessierte Fachfremde richtet. Musikethnologie vermittelt einen übergreifenden Einblick in Themenfelder wie Musik und Globalisierung, Postkolonialität sowie Methoden des angewandten und kollaborativen Arbeitens.