Klassische Musik bei YouTube

30.06.2026

Interview mit der Autorin zu ihrem neuen Werk „Klassische Musik bei Youtube“

Im rechten Vordergrund ist das Porträt der Autorin zu sehen. Links davon ist das schwebende Buch positioniert. Der Hintergrund besteht aus digitalen Balken in den Farben Blau, Türkis und Lila.

Aufführungs- und Lebenspraxen im digitalen Zeitalter

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf unsere Wahrnehmung von Musik aus? Die Neuerscheinung Klassische Musik bei Youtube spezifiziert diese Frage und untersucht die Präsenz von klassischer Musik auf der Plattform Youtube. Die Autorin, Prof. Dr. Corinna Herr, kam mit unserem Verlag ins Gespräch und gibt Einblicke in ihr Werk:

Wie sind Sie methodisch vorgegangen, um die Aufführungspraxen für klassische Musik auf Youtube zu untersuchen?

„Tatsächlich habe ich ja nicht nur Aufführungs-, sondern auch ‚Lebenspraxen‘ untersucht, also die Frage, wie Menschen klassische Musik auf YouTube hören und rezipieren. Das ist der erste Teil meines Buchs, im zweiten Teil geht es dann um Aufführungspraxen.

Für die ‚Lebenspraxen‘ habe ich vier Videos mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte, gesungen von Diana Damrau untersucht. Diese Videos haben sich im Internet verbreitet und sind im Untersuchungszeitraum (2008 bis 2018) 32 mal auf unterschiedlichen YouTube-Kanälen hochgeladen worden. Ich habe dann die mehr als 23.000 Kommentare geordnet und nach verschiedenen Kriterien untersucht – da sind für mich zum Teil sehr spannende Dinge ans Licht getreten.

Für den ‚Aufführungspraxen‘-Teil habe ich YouTube-Kanäle einzelner Künstler*innen aber auch von zwei ‚global Playern‘, der Deutschen Grammophon und von Warner Classics untersucht, also genauer: wie viele Videos mit sog. klassischer Musik wurden da zwischen ca. 2006 und 2019 hochgeladen. Dann habe ich die geordnet und einzelne Fallbeispiele genauer untersucht.“

Warum fiel Ihre Wahl für die Untersuchung auf die klassische Musik?

„Zur Popmusik in digitalen Welten wird schon viel geforscht. Aber die sog. klassische Musik wurde hier noch nicht genauer untersucht, es gab also eine ‚Forschungslücke‘.

Tatsächlich finden sich viele Gemeinsamkeiten (aber auch Unterschiede), vor allem in der Rezeption, also: den ‚Lebenspraxen‘. Was aber die „Aufführungspraxen‘ betrifft, zeigen sich klar neue Entwicklungen. Vor allem geht es da auch um die Frage, was für Bilder zeigt man denn? Nur einfach komplette Aufführungen abzufilmen ist etwas, das dem Medium YouTube weniger entspricht, da wird die Aufmerksamkeit eher auf kürzere Videos gelenkt, also Videoclips – womit wir wieder bei der Popmusik wären. Dort sind Videoclips ganz zentral.

In der sog. klassischen Musik war das aber bisher nicht so und es war für mich sehr spannend zu beobachten, dass hier nun ganz viele neue Videoclips mit klassischer Musik entstehen, wo dann eben natürlich nur kurze Stücke, also vielleicht ein Satz eines Instrumentalkonzerts oder eine Opernarie gezeigt werden. Hier finden wir Ausschnitte aus Konzerten, Probensituationen (da sind oft die Narrative der Videos besonders spannend), oder eben neu produzierte Clips mit einer echten Musikvideoästhetik.“

Welches Beispiel zeigt besonders anschaulich, wie YouTube die Rezeption klassischer Musik verändert hat?

„Im ersten Teil meines Buchs, dem Teil zu ‚Lebenspraxen‘ zeigt sich, wie auch neue Hörer*innenschichten klassische Musik erfahren, wenn bspw. ein Metalfan das von Jean Rondeau auf dem Cembalo gespielte ‚Vertigo‘ als ‚Headbanging‘-Musik bezeichnet. Oder wenn jemand vielleicht von einem Werbeclip auf einmal zu Mozarts Arie der Königin der Nacht geleitet wird und dann in den Kommentaren schreibt: ‚How come I’ve never listened to Opera before! This is amazing!!!‘ – und wenn dann jemand anderes antwortet: ‚AAAAAYE WELCOME FRIEND‘.

Für viele Menschen sind die Hürden, bspw. in die Oper oder in ein klassisches Konzert zu gehen, sehr hoch (was kostet das, wie kommt man da hin, was zieht man an etc.). Aber eine Opernarie auf YouTube über das Handy zu hören, ist leicht – und wenn es sich herausstellt, dass das ganz tolle Musik ist, wird die Hürde für den Opernbesucht vielleicht auf einmal niedriger. Da bin ich eben ganz optimistisch…“

Was könnte Leserinnen und Leser an Ihren Ergebnissen am meisten überraschen?

„Viele sagen ja immer, die ‚klassische Musik ist tot‘, gerade in der digitalen Ära ist sie nicht mehr interessant, wird nicht mehr rezipiert. Und es zeigt sich eben, dass das überhaupt nicht der Fall ist.

Wie gesagt, habe ich ja unter anderem vier Videos mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte, gesungen von Diana Damrau untersucht. Und diese Videos sind natürlich (illegal) auch verbreitet worden. Und dann haben diese vier Videos auf einmal eine Aufrufzahl von über 38 Millionen – und das war 2018, also vor der Covid-Pandemie! Wenn man heute, also 2026, schaut, finde ich schon bei einem der Videos 77 Millionen Clicks – und ein Short, das allerdings bearbeitet wurde, hat sogar 163 Millionen Clicks. Also die schiere Masse der Rezeption ist schon überraschend, finden Sie nicht?“

Das Werk ist Teil der Reihe Die Gesellschaft der Musik, die musikalische Phänomene aus komplementären kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven untersucht.

Viele sagen ja immer, die ‚klassische Musik ist tot‘, gerade in der digitalen Ära ist sie nicht mehr interessant, wird nicht mehr rezipiert. Und es zeigt sich eben, dass das überhaupt nicht der Fall ist.

Prof. Dr. Corinna Herr