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Rombach Wissenschaft

Call for Papers | Interviews | News | Presse | Rezensionen

Hier stellen wir regelmäßig aktuelle Informationen aus dem Verlag für Sie zusammen.

Call for Papers

Band 16 (2023): Helden / Heroes

Die in ihren historischen Ausprägungen so facettenreichen Figurationen des Heldentums lassen sich immer wieder auf die brüchige Unterscheidung von Fiktion und Realität engführen. Gemeinsamer Nenner für Held oder Heldin sind die außergewöhnliche Tat oder Fähigkeit.

Und das Außergewöhnliche oder auch Außerordentliche hat immer schon mit einem Bein im Reich der Fiktion gestanden. Das gilt für die Helden der klassischen Mythologie wie auch für die der germanischen Sagen. Aber immer steht die außergewöhnliche Tat dort auch als exemplum, um für das wahre Leben Orientierungshilfen durchzuspielen.

Die Moderne hat es sich dann vielleicht zu einfach gemacht, wenn sie schlicht alle zentralen Figuren einer »dichterischen« Narration als literarische Helden apostrophiert hat, wie auch umgekehrt in realpolitischen Kontexten die Helden wie Unkraut aus dem Boden geschossen sind: vom Helden der Arbeit im Sozialismus zum bürgerlichen Helden, von klangvollen Antihelden zu anonymen und namenlosen Alltagshelden oder Superhelden mit unmenschlicher Namengebung. Zwei im Jahre 1977 produzierte Hymnen zwischen Pop und Punk bringen das Alles-oder-Nichts des Heldentums auf den Punkt: David Bowies We can be heroes, Just for one day und The Stranglers’ No more heroes anymore.

Dabei nimmt das moderne Heldentum bereits mit den Debatten um 1600 Fahrt auf: Zwischen Poetik und allgemeiner Anthropologie forcieren Texte von Giordano Brunos Die heroischen Leidenschaften (1585) über Philip Sidneys An Apology for Poetry (1595) zu Balthasar Gracián Der Held (1637) den Individuationsgedanken im Kontext der Debatten um Poetik und Fiktionalität.

Um 1800 steht der Held der Moderne dann komplett ausstaffiert, aber allein auf weiter Flur. Kleist warnt noch vor dem Kurzschluss, die lebens- und realitätsferne Konstruktion des »idealischen« Helden mit dem Dichter zu verwechseln, denn verlangte man solch ein Heldentum von Dichtern, wäre dies ihr Ende. Im Gegenzug können sich Hegels Bildungs- und Romanhelden an der Gesellschaft nur noch die »Hörner abstoßen«, bevor sie bis zur Unkenntlichkeit integriert werden.

Im 20. Jahrhundert gesellen sich Filmhelden und -heroinnen hinzu, und die Warnung Kleists scheint vergessen, das Heldentum im Bereich der Fiktion zu belassen. Die Filmindustrie umgeht die Abstraktionsvorlage der Literatur und tendiert dazu, den Filmstar mit dem dargestellten Helden zu identifizieren. Im undifferenzierten Medienzauber des Nationalsozialismus wird das Konzept des Helden dann vollends zur ideologisch-politischen Waffe. Die Schwarz-Weiß-Sicht des Faschismus macht jedes Opfer des Ersten Weltkriegs zum Märtyrer und Helden für die neue Sache, und der ab 1922 begangene Volkstrauertag wird 1934 als Heldengedenktag wichtiger Bezugspunkt für die Mythologisierungsbestrebungen der Nazis. Nach 1945 scheint den Deutschen der Appetit auf Helden gründlich vergangen und der Held von gestern wird, frei nach Fritz Bauer, der Verbrecher von heute. Heiner Müller desavouiert die vermeintlichen Helden in seiner Erzählung »Das Eiserne Kreuz« (1956) und Brechts Galilei (U 1943) stöhnt nach seinem erzwungenen Widerruf »Unglücklich das Land, das Helden nötig hat«; ein Ausruf, der sich besonders gut auf die Stimmung im Nachkriegsdeutschland lesen lässt. In den folgenden Jahrzehnten führt der Kalte Krieg dazu, dass bei der Darstellung von literarischen und filmischen Helden und Heldinnen in beiden Teilen des geteilten Deutschlands unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden: Im Westen sind die männlichen Romanhelden nurmehr als tragikomische Figuren mit banalen Berufen (Martin Walser) denkbar, während im Osten das Heldentum in weiblicher Figuration (siehe Christa Wolf und Irmtraud Morgner) oder als Held der Arbeit sein Auferstehen feiert. Parallel dazu leistet der Feminismus in Ost wie West einen wichtigen Beitrag zur gründlichen Demontage des männlichen Helden und zum ›Gendering‹ des Heldentums.

Wenn also das 20. Jahrhundert besonders auch das Jahrhundert der Statistik war, wie Walter Benjamin angedeutet hatte, und das 21. Jahrhundert wie bisher ›Big Data‹ auf seine Fahnen schreibt, stellt sich die Frage, was das Heldentum überhaupt noch taugt? Zu allem und zugleich zu nichts mehr? Seine Stellung ist in unserer Zeit so prekär wie die des Individuums selbst. Braucht die moderne Massengesellschaft, das Gedränge der virtuellen Welten, keine Helden mehr? Gibt es Angebote aus den Filiationen der Kultur, die sich dem entgegenstemmen? Wie greift beispielsweise die Welt der heute so populären Cartoon- und Serienhelden auf den literarischen Heldendiskurs zu? Welche klassischen Helden und Heldinnen können heute wiederbelebt werden oder welche Heldenrolle wäre heute neu zu schreiben? Sind wir gar vom postheroischen Zeitalter schon wieder in ein post-postheroisches Zeitalter gewechselt? Gibt es spezifisch deutsche Heldendiskurse, die dem allgemeinen Trend im Westen Impulse verliehen haben? Fragen über Fragen, denen nachzugehen sich Limbus für den 15. Band vorgenommen hat.

Eingeladen sind für diesen Band Beiträge, die das Thema ›Helden‹ in literatur-, medien- oder kulturhistorischen Zusammenhängen analysieren und so einem weiten, durchaus kontroversen Feld neue Facetten hinzufügen können.

Beitragsvorschläge werden bis zum 15. Januar 2022 an die unten genannten E-Mail-Adressen erbeten.

 

Die Herausgeber / The Editors

 

E-Mail-Adressen:
franz-josef.deiters@sydney.edu.au
axel.fliethmann@monash.edu
lewisa@unimelb.edu.au
christiane.weller@monash.edu

Interviews

Depressive (Anti-)Helden

Depressionen waren lange ein Tabuthema. Aber auch im Rahmen der Coronakrise, die negative Effekte auf die psychische Gesundheit vieler Menschen hat, haben wir gelernt, offener mit dem Thema umzugehen. Sind Antihelden wie Hamlet, Jack Sparrow oder Hitman, die in Literatur, Film und der Spielewelt immer präsenter sind, auch automatisch depressiv? Yasmin Temelli für ihren Teil hat festgestellt, dass depressive (Anti-)Helden zumindest die aktuelle französische Literaturlandschaft in ausgeprägtem Maße besiedeln.

-1- In Ihrer Publikation „Le sel n’est pas salé“ thematisieren Sie depressive (Anti-)Helden in der aktuellen französischen Literaturlandschaft. Was gab Ihnen Anstoß dazu?

Als ich vor über zehn Jahren angefangen habe, mich mit dem Phänomen der Depression auseinanderzusetzen, war sie in der öffentlichen Diskussion noch nicht annährend so präsent wie heute. Tatsächlich ist der Impuls in meinem Freundeskreis begründet; gleich zwei mir nahestehende Menschen bildeten eine Dysthymie aus beziehungsweise litten unter einer Major Depression, ohne dass ich es damals derart klar hätte benennen können. So fing ich an zu tun, was LiteraturwissenschaftlerInnen zu eigen ist: darüber zu lesen. Neben Lektüren aus dem Bereich der Medizin und Psychoanalyse zog es mich natürlich schnell auch in das Reich der (Auto-)Fiktion und spätestens als mir das inhaltlich wie ästhetisch eindrucksvolle Werk Suicide von Édouard Levé in die Hände fiel, war der Entschluss gefasst, die Depression aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive eingehender zu beleuchten.

-2- Anhand einiger Texte wollen Sie medizinische und psychoanalytische Narrative in der Literatur sondieren. Zu welchem Ergebnis kommen Sie hier?

Die im Fokus der Studie stehenden literarischen Texte von Philippe Labro, Antoine Sénanque, Philippe Delerm, Édouard Levé, Michel Houellebecq und Thierry Beinstingel suchen in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße den Dialog mit der Medizin, der Psychoanalyse sowie der Pharmakologie und beziehen ganz unterschiedlich Stellung zu den fachspezifischen Ansätzen – teilweise auch dadurch, dass überhaupt gar keine Thematisierung erfolgt. Insgesamt erweisen sie sich als überaus selbstbewusst im Umgang mit dem jeweiligen disziplinären Wissen; die Modellierungen reichen von Affirmation über kritische Reflexion bis hin zu beißender Verspottung. Oftmals passen sie sich nicht in die jeweilige Logik ihrer Dialogpartner ein. Die Ausgestaltung des depressiven Erlebens weicht immer wieder von den Parametern der nosologischen Klassifikationssysteme ab und zeigt, dass keine fallstudienartige Nachbildung medizinischer Diskurse angestrebt ist. Die besprochenen Texte leisten mit ihrer Teilnahme an der Diskussion einen spezifisch wissenspoetologischen Beitrag und lenken durch ihre Textur das Augenmerk auf ausgewählte Phänomene wie beispielsweise die Sinneswahrnehmung während des depressiven Erlebens.

-3- Wem möchten Sie Ihr Werk unbedingt empfehlen? Ist es auch für Studierende der französischen Literaturwissenschaft geeignet?

Die Untersuchung könnte gerade für Studierende der Philologien (nicht nur der französischen Literaturwissenschaft) von Relevanz sein. Ich habe im vergangenen Semester ein Seminar zu Krankschreibungen in der französischen Literatur angeboten und die Teilnehmenden führten vor allem zum depressiven Erleben in den (auto-)fiktionalen Texten intensive Diskussionen. Dies mag nicht zuletzt damit einhergehen, dass die Depression in der Lebenswelt zunehmend präsent und auch nicht mehr als Tabuthema gebrandmarkt ist.

Besonders würden mich Lektüreerfahrungen aus medizinischer und psychoanalytischer Sicht interessieren. In ihrer Pluridimensionalität ist die Depression für eine Disziplin allein schwerlich fassbar, hier ist ein interdisziplinärer Austausch sicherlich auch in Zukunft vonnöten und von großem Nutzen.

Johannes F. Lehmann im Interview

Was ist das Gegenteil von Wut? Was braucht es, um Wut auszulösen?

Ist Wut ein Ausdruck von Hilflosigkeit? Kann aus Wut, Hass entstehen? Michel Friedman und der Kulturwissenschaftler und Rombach Wissenschaft Autor Johannes F. Lehmann debattieren in der Deutschen Welle über Wut.

Das Interview wurde am 12. Februar ausgestrahlt und kann in voller Länge unter https://www.dw.com/de/auf-in-wort-wut/av-56552807 nachgesehen werden.

Seit den Anfängen der abendländischen Kultur- und Literaturgeschichte sind Zorn und Wut zentrale Motive literarischer Texte. Zugleich sind sie Gegenstand intensiver theoretischer Reflexionen in verschiedensten Feldern des Wissens. Johannes F. Lehmanns  Buch „Im Abgrund der Wut - Zur Kultur- und Literaturgeschichte des Zorns“  führt beide Aspekte in diskursgeschichtlicher Perspektive zusammen: Ausgehend von den antiken Voraussetzungen (von Homers Ilias bis Senecas De ira) stellt es den epochalen Umbruch in der Codierung des Zorns an der Schwelle zur Moderne ins Zentrum. War der Zorn Jahrhunderte lang als Wunsch nach Rache aufgrund gekränkter Ehre oder verletzten Rechts definiert worden, wird er seit Ende des 18. Jahrhunderts unter der neuen Kategorie des Gefühls (und mehr und mehr unter dem Namen ›Wut‹) mit Begriffen von Energie und Widerstand beschrieben: als Gefühl einer 'Beeinträchtigung unseres eigenen Ich’s' (Burdach). Während von der Antike bis zur Neuzeit der Zorn Ehre und Recht verteidigt, bewacht die moderne Wut: das Leben, das Begehren und das Glück. Die Studie untersucht anhand von Diskursen und Texten vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert sowohl die theoretischen Folgen und Weiterentwicklungen dieses Umbruchs als auch die Konsequenzen für das Erzählen von Zorn und Wut.

Das Werk ist 2012 erschienen und hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Es kann im Shop unter https://bit.ly/3uJ9Yt6 erworben werden.

Rezensionen

Hoffmann, Landschaft im Nachbild

Imaginationen von Natur in der Literatur um 1900 bei Henry James und Hugo von Hofmannsthal

»Sehr zu loben ist diese sorgfältig erarbeitete und klug argumentierende Studie.«
Dr. Martin Lowsky, Mitteilungen der Theodor-Fontane Gesellschaft, Juni 2021, 63

Hoffmann, Landschaft im Nachbild

Landgraf, Ethik und Ästhetik

Ethik und Ästhetik in der dekadenten Literatur vor und nach Nietzsche

»Ein[en] gründliche[r] Einblick in die Literatur der Dekadenz.«
Uwe Rauschelbach, Nietzsche-Studien 49/2020, 352

Landgraf, Ethik und Ästhetik 

Deiters ua., Limbus – Australisches Jahrbuch / Bd. 12/2019

Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft, Band 12 (2019)

»fesselnde Artikel…«
Dr. Martin Lowsky, Mitteilungen der Theodor-Fontane Gesellschaft, Februar 2021, 71

Deiters ua., Limbus – Australisches Jahrbuch / Bd. 12/2019

News

Reihe „intro: Literaturwissenschaft“ geht an den Start

Fundiert, kompakt und verständlich führen die Bände in grundlegende wie aktuelle Themen der Literaturwissenschaft ein

Der Band „Literaturwissenschaft – Einführung in ein Sprachspiel“, herausgegeben von Heinrich Bosse und Ursula Renner, ist vor Kurzem druckfrisch erschienen und markiert den Start der neuen Einführungsreihe „intro: Literaturwissenschaft“.

Die Bände dieser Reihe führen fundiert, kompakt und verständlich in grundlegende wie aktuelle Themen einer Literaturwissenschaft ein, deren kulturwissenschaftliche Ausweitung sich zum Beispiel an den turns der letzten Jahrzehnte (u.a. cultural turn, spatial turn, social turn) orientiert. Sie richten sich an Studierende aller Philologien, die sich einen ersten Überblick über das jeweilige Themenfeld verschaffen möchten. Eine strukturierte Aufbereitung, konzise Zusammenfassungen, bibliografische Hinweise sowie weiterführende Fragen und Anregungen erleichtern den Einstieg.

Lektorin Dr. Friederike Wursthorn erklärt, inwiefern „intro: Literaturwissenschaft“ das literaturwissenschaftliche Portfolio von Rombach Wissenschaft stärkt und was die Reihe so besonders macht: „‚intro: Literaturwissenschaft‘ wird nicht allein in die klassischen Themen der Literaturwissenschaft einführen, sondern auch Fragestellungen aufgreifen, die in der jüngsten Zeit zur Diskussion stehen, wie etwa: Was ist relevant an der Literaturwissenschaft?“

Sämtliche Bände der Reihe können im Buchhandel und im NomosShop erworben werden. Zudem steht die jeweilige digitale Ausgabe eines Bandes in der Nomos eLibrary zur Verfügung.

Rezensionsanfragen

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